Wahrscheinlich haben die vielen kulturlastigen Reisen meiner Eltern etwas damit zu tun. Aufgrund meiner Kindheit und späteren Ausbildungen lassen sich jedenfalls kaum verwertbare Indizien finden.

Ich hatte das Glück viele, heute kaum mehr zugängliche Kultstätten aus der Stein und Bronzezeit, in unberührter Natur besuchen zu können. Dolmen, Menhire, Nuragen und unzählige Grabstätten, bestimmten die Reiserouten meiner Eltern. Meistens von ungenau verfassten Wegbeschreibungen, unüberwindbaren Sprachbarrieren und Strassen, die hierzulande bestenfalls als Bachbett klassifiziert werden, begleitet. So erlebte ich im Kindesalter Kultur vor allem als Abenteuer.

Die Schulzeit brachte mich weder der Kunst, noch dem Zeichnen näher. Allerdings begann mein älterer Bruder, der mir 8 Jahre voraus war, Ur und Frühgeschichte zu studieren. So lauschte ich wohl unfreiwillig den Unterhaltungen am elterlichen Mittagstisch. In einer Zeit, wo mir ein eigenes Mofa wohl als das begehrenswerteste Ding der Welt erschien, kreuzten sich die handwerklichen Versuche meines Bruders und mir im Bastelraum. Da konnte man neben Motorteilen durchaus auf Nachbildungen steinzeitlicher Äxte und Mahlsteine stossen. Wie gesagt verlief mein Leben zu dieser Zeit in einer Parallel-Welt zu Kunst, Geschichte und Kultur.

Eine abenteuerliche Reise von Bern, via Algerien, Niger, Nigeria bis Kamerun (Alleine mit meinem Hund quer durch die Sahara) veränderte mich massgeblich.

Etliche Jahre später hatte ich den starken Wunsch, mehr über mich und die Welt zu erfahren. Ohne hier ausschweifend zu erzählen, möchte ich diesen Entwicklungsschritt kurz umreissen. Auf der Suche nach meiner mir eigenen Ausdrucksform probierte ich Vieles aus, liess es sein und griff es erneut auf. Nur um es schon Tage später wieder als ungeeignetes Medium beiseite zulegen. Es kam also vor, dass ich nächtens loszog, um mit der selbst gebastelten Camera Obscura Stimmungen einzufangen, frühmorgens zeichnete und nachmittags am Küchentisch Aktfiguren modellierte. Ich besuchte Kurse in Holzschnitt und Lithografie. Und dann zeichnete ich wieder bis zum Umfallen. Manchmal 50 Stück an einem Tag. Ich besuchte Ausstellungen, lernte Künstler kennen und kaufte mir tonnenweise Bücher.

So verdichtete sich langsam mein Eindruck, dass wohl die Zeichnung das beste Medium für mich sei. Nur war ich meilenweit von zufrieden stellenden Ergebnissen entfernt. Also beschloss ich mich ausschliesslich der Zeichnung zu widmen.

Selber zeichnen lernen halte ich bis heute für eines meiner grössten Abenteuer!

Man kann sich keine Vorstellung von meinem verzweifelten Kampf mit mir selbst machen. Sehen! Was sehe ich wirklich? Wahrnehmung? Kann ich selbst meine eigene Wahrnehmung kontrollieren? Es gab dermassen viel zu erforschen und zu entdecken, dass mich nichts anderes mehr interessierte. Ich war besessen.

Doch wie kam ich zur Skulptur?

Obwohl eine Skulptur immer nur von einer Seite angeschaut werden kann, folglich also höchstens Reliefcharakter aufweist, bestimmt unser Wissen um die Dreidimensionalität der Skulptur eben genau dieses. Einfach gesagt nehmen wir einen Kopf von vorne nie als Scheibe wahr. Wir fügen unser Wissen, das ein Kopf ein Volumen hat zu unserem Sehen hinzu! Und das ist es, was ich konstruierte Wirklichkeit nenne.

Ich bin nicht der erste Mensch, dem dies auffällt. Mir geht es um etwas anderes. Beim Zeichnen vermisse ich oft die Möglichkeit, das Dargestellte intensiver zu begreifen. Doch genau dies vermag die Zeichnung nur begrenzt zu leisten. Die Skulptur hingegen kann einen räumlichen Eindruck und den daraus resultierenden Ausdruck im Raum erzeugen. Dies ist der Hauptgrund, weshalb ich Skulpturen erschaffe. Nicht das ich das Zeichnen ausgeschöpft hätte. Im Gegenteil. Ich bin mir bewusst, dass mein zeichnerisches Werk erst am Anfang steht. Doch die Skulptur fasziniert mich zusätzlich auf eine andere Weise. Der Moment wenn aus der fliessenden, glühenden Masse aus Eisen eine Gestalt entsteht, ist unbeschreiblich. Skulpturen kann ich wortwörtlich begreifen. Ich spüre deren Präsenz. Eine Zeichnung oder ein Bild bleibt ein Gegenstand der Illusionen hervorrufen kann. Eben eine Erinnerung oder Fiktion auf Leinwand oder Papier. Skulpturen jedoch, haben existenziellen Charakter.

Nichts erinnert den betrachter an glühendes Eisen.

Durch geduldiges fliessen lassen der Materie, gepaart mit roher Gewalt, einer höllischen Hitze, glühendem Eisen-Regen, Dampfwolken, die den Garten verdunkeln und spontanen Knallpetarden, die den Hund ins Haus flüchten lassen, ist ein kostbares Wesen, das womöglich feinfühlige Empfindungen hervorrufen kann, geboren worden. Dies alles entgeht dem Betrachter. Eisen schmilzt sehr unterschiedlich. Erst nach Jahren ist es mir gelungen, die Temperaturen einigermassen im Griff zu haben. Kaltes Eisen leitet die Hitze der Flamme sehr unterschiedlich weiter. Je nach Grösse und Form der bereits geschmolzenen Teile erhitzen sich die Partien extrem unterschiedlich. Entsprechend erfordert es höchste Aufmerksamkeit, um nicht Bereiche wegzuschmelzen die bereits “fertig” sind. Analog dazu wird es mit bereits unterschiedlich erhitztem Eisen natürlich nicht einfacher. Natürlich würde ich gerne betonen, dass ich einen Plan habe. Doch dem ist nicht so. Sicher- eine gewisse Vorstellung hilft sehr. Doch die auftretenden Schwierigkeiten lassen mich oftmals abschweifen. So entsteht eine mögliche Lösung die, zu der sich bereits in Arbeit befindlichen Skulptur gar nicht mehr passt. So komisch das klingt, aber manchmal ändere ich dann die ganze Arbeit. Da kann es vorkommen, dass ich grosse Stücke vollständig weg schweisse und danach neu einarbeite.

  1. Erst wenn die Disharmonie sichtbar wird weiss ich, wie ich die Harmonie herstellen kann.
  2. Das Eisen auf einen Haufen zu schmelzen ist die eine Sache. Daraus eine Skulptur zu formen die mich bewegt, eine völlig andere.
  3. Es gibt Tage da scheint alles verloren. Wenn ich nach 8 Stunden schweissen noch immer nichts brauchbares habe, wenn von der tagsüber entstandenen Skulptur abends bloss noch ein Eisenklumpen übrig geblieben ist, dann bin ich verzweifelt!
  4. Ich kann keine Kunst machen. Ich kann auch keine Skulptur machen. Was ich aber kann ist daran arbeiten. Und wenn auf einmal etwas Grossartiges entsteht, will ich es mit grosser Demut annehmen!

David Werthmüller, 2013

07/09/2013

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